Was sind die häufigsten Unfallursachen am Berg?
Wie entstehen Unfälle und wie kann man diese in Zukunft vermeiden? Auf Basis der aktuellen Unfallzahlen des Österreichischen Kuratoriums für alpine Sicherheit (Zeitraum der Erfassung: 1.Mai bis 30. September 2020) stellen wir euch die häufigsten Unfallursachen am Berg vor und leiten daraus Handlungsempfehlungen im Sinne einer Unfallprävention ab.
Die Zahlen im Überblick
Statistisch betrachtet liegt die Gesamtzahl aller verletzten, unverletzten und tödlich verunglückten Bergsportler in Österreich für den Zeitraum vom 1.5.2020 bis 30.9.2020 bei 3.862. Dabei handelt es sich um 1.213 unverletzt geborgene Personen, 2.527 verletzte und 122 tödlich verunglückte Personen. Die Gesamtzahl aller Unfälle laut Alpinpolizei ergibt eine Anzahl von 3.204.
Folgende Trends sind zu beobachten:
1. Die meisten Unfälle ereigneten sich in den Sommermonaten durch Einheimische
74% aller tödlichen Unfälle ereigneten sich in den Monaten Juli, August und September. 51% der im Sommer 2020 verunfallten Bergsteiger und Bergsteigerinnen in Österreich waren Einheimische (ein Plus von 5% im Vergleich zu den letzten Jahren), bei den tödlichen verunfallen Personen liegt die Zahl sogar bei 55%.
2. Die meisten Verunfallten sind Wanderer – Hauptursache Sturz, Stolpern & Ausgleiten
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Die Hauptursachen für Unfälle und Verletzungen auf Wandertouren (insgesamt 75 %) sind der Sturz, das Stolpern oder das Ausrutschen. Gründe dafür sind mangelnde körperliche bzw. sportmotorische Fähigkeiten, mangelhafte Konzentration, Ermüdung, Selbstüberschätzung und Überforderung. Bei den tödlichen Unfällen dominiert weiterhin mit 34% das Herz-Kreislaufversagen. Bei den unverletzt geborgenen Personen stellen Verirren, Versteigen sowie Erschöpfung den Hauptgrund für das Absetzen eines Notrufes dar.
3. 27% mehr unverletzt geborgene Personen im Klettersteig
Auffallend ist die hohe Anzahl an unverletzt geborgenen Personen in Klettersteigen. Als Hauptgrund wird von 62% der Betroffenen die Erschöpfung im Klettersteig angeführt.
4. Mehr Mountainbike-Unfälle
Auch bei der Trendsportart Mountainbike kam es im Vergleich zu den etzten Jahren zu einer Steigerung von verunfallten Personen. Im Sommer 2020 verunfallten 837 Personen mit dem Bergrad. Zehn Mountainbiker verunglückten tödlich.
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Empfehlung zur Unfallprävention
1. Gute Tourenplanung vermeidet Unfälle und „Blockierungen“
Fast ein Drittel der Verunfallten setzt unverletzt einen Notruf ab, sie sind im Gelände also blockiert, müssen aber geborgen werden. Eine gute Tourenplanung umfasst daher:
Auswahl der Tour
- Realistische Selbsteinschätzung in Bezug auf Können, Kondition sowie Kenntnisse der alpinen Gefahren und der Ausrüstung.
- Richtige Auswahl des technisches Anspruches (SAC-Skala) nach eigenem Können.
- Richtige Auswahl der Dauer, Länge und Höhe der Tour nach eigenem Können.
Vollständige und konkrete Tourenplanung
- Dauer, Höhenmeter, Kilometer und (technische) Schlüsselstellen studieren.
- Daraus ein realistisches Zeit-Weg-Diagramm (Zeitplanung) erstellen (inklusive Pausen).
- Aktuelle Wetterinformationen beachten und mit der Weg-Zeitplanung, den tageszeitlichen Veränderungen und den lokalen Gegebenheiten abgleichen.
- Qualitative Tourenbeschreibung in Textform durchgehen und wichtige Checkpoints, auch für eine eventuelle Umkehr oder einen Rückzug, schaffen. Planen von Alternativ-Routen, damit entsprechend der Tagesverfassung und der Verhältnisse reagiert werden kann.
- Tour auf einer analogen Karte inspizieren und wichtige Checkpoints markieren.
- Digitale Karte bzw. Track offline auf das Smartphone laden. Daneben analoges Karten- und Führermaterial (kann auch ein Ausdruck der Online-Daten sein) mitnehmen.
Während der Tour
- Während der Tour sollten ALLE (!) Informationen regelmäßig abgeglichen werden, damit ein rechtzeitiges Umkehren im Bedarfsfall gewährleistet ist:
Wetter, Weg-Zeit-Berechnung und Tageszeit, Standort und Orientierungsmöglichkeit, körperliche Verfassung sowie Netzabdeckung.
2. Spezielle Anforderungen jeder Sportart berücksichtigen
Ergänzend zu oben angeführten Punkten, muss auf die Spezifikationen jeder Sportart (z.B. Klettersteiggehen, Klettern, Mountainbiken etc.) eingegangen werden. Im Speziellen:
- Weg-Zeit-Berechnung
- Schlüsselstellen
- Lokale Bedingungen
- Orientierung und Orientierungspunkte
- Schwierigkeitsbewertung und Begehbar- oder Befahrbarkeit der Wege oder Touren
- Bedarf an Tourenbeschreibungen, z.B. Topos bei Klettertouren und Klettersteigen.
3. An Aus- und Fortbildungen teilnehmen oder professionell geführte Touren buchen
Der Anteil der unverletzt Geborgenen lag diesen Sommer bei 32%, im Juni sogar bei 35%. Peter Paal, Präsident des Österreichischen Kuratoriums für alpine Sicherheit, empfiehlt als Präventionsmöglichkeiten die Teilnahme an Camps oder Kursen von alpinen Vereinen – wie Alpenverein und Naturfreunde – Bergsteigerschulen oder die professionelle Tourenführung durch Bergsportführer (Bergführer, Bergwanderführer etc.). Letzteres garantiert nicht nur alpintechnisches Know-How, sondern auch regionale Touren-Tipps abseits der Massen.
4. Einem „internen“ Notfall vorbeugen
Die Hauptursache für tödliche Alpin-Unfälle sind Herz-Kreislaufversagen. Daraus ergeben sich folgende Konsequenzen:
- Bei bekannten Erkrankungen ist vor dem Wanderurlaub unbedingt ein Arzt zu konsultieren.
- Vermeidung von Überanstrengungen (wenn notwendig die Vitalwerte mittels Pulsuhr oder ähnlichem überwachen).
- Regelmäßig Pausen einlegen.
- Ausreichende Flüssigkeitzufuhr.
- Auswahl der Länge und Dauer der Tour nach eigener Kondition und Tagesverfassung.
- Rechtzeitiger Aufbruch.
- Ausreichend Schutz vor Hitze im Sommer.
- Bei den ersten Anzeichen von zu hoher Belastung stoppen und eventuell umkehren.